"Die Navigation ist ohne Zweifel die segensreichste und erhabenste Wissenschaft, welche der Mensch in sich aufnahm; ihr allein verdanken wir die Verbreitung der Kultur und die Vereinigung mit den entfernetesten Nationen. Wer nur den geringsten Sinn für das große Gebiet der Natur hegt, fühlt gewiss den Trieb in sich, Kenntniss von den unenndbaren Weltall zu erlangen, und hierzu findet keine Beschäftigung der Welt mehr Gelegenheit, als sein Beruf dem denkenden Seemann. Dass der Beruf des Seemanns eine gefahrvolle und oft ermüdende Beschäftigung ist und manche Entbehrung mit sich führt lässt sich nicht wegleugnen, doch wird es vielfach durch das Vergnügen gemildert, welches er in der Ausübung seines Berufs findet"

Das ist das Vorwort aus dem "Taschenbuch für Seefahrer" (Capitain J. Friedrichson) aus dem Jahre 1869, welches mein Dozent für Klassische Navigation an den Anfang seines Skriptes gesetzt hatte. Damals, als ich noch neu an der Seefahrtschule in Leer war. Nun, während meines zweiten Praxissemesters, musste ich oft an dieses Zitat denken. Meistens an den Teil mit der "ermüdenden Beschäftigung", aber auch schöne Momente kamen nicht zu kurz.

In einer mehrteiligen Serie lasse ich euch teilhaben an meiner letzten Fahrt als Kadetten, zwischen Europa und der Karibik. Die Namen von Schiff und Besatzung wurden aus Rücksicht auf Reeder und Seefahrer verändert.

 

I have a problem with your hair

Mit diesen Worten fing mich der Kapitän nach meinem ersten Frühstück auf dem Motorschiff Isolde ab. Es gab Eier, wie jeden Morgen in den folgenden Monaten. Da ich nicht das erste Mal an Bord bin und Erfahrung mit konservativen Kapitänen habe, erklärte ich ihm ruhig, dass ich trotz der Dreads einen Helm tragen kann und werde, und es somit kein Sicherheitsrisiko sei. Anders als vorherige Kapitäne war es ihm jedoch ernst damit, und er wiederholte in gebrochenem englisch: „We cut hair now, or I call company and you go“

Was sagt man dazu? Haare ab, oder er schickt mich am ersten Tag nach Hause. Tief durchatmen.

Da ich mir jedoch sicher war, dass das Büro mich wegen meiner Haare nicht heimschicken würde, bekräftigte ich meine Haare behalten zu wollen und ging an Deck, um meinen ersten Arbeitstag zu absolvieren. Ob er tatsächlich angerufen hat oder es doch hat ruhen lassen, weiß ich bis Heute nicht, aber nun bin ich bereits zwei Wochen auf der Isolde unterwegs – ohne Kurzhaarschnitt.

 

Fernweh und Abschied

Los ging die Fahrt für mich in Dordrecht bei Rotterdam, NL. Da ich den Tag vor meinem Einstieg die letzte Klausur hinter mich gebracht hatte, wurde am Abend traditionell das Klausurende und parallel mein Abschied gefeiert... bis in den Morgen. Entsprechend qualvoll war das Packen und die folgende Bahnfahrt... mit der Ausrüstung für ein halbes Jahr im Gepäck. Plus mehrere Maschinenteile, die ich für die Reederei an Bord liefern sollte. Bis zum Hafengelände verlief jedoch alles glatt, abgesehen davon dass verkatert Reisen eine Qual sein kann.

Der indische Taxifahrer, der mich vom Dordrechter Hbf zum Liegeplatz fährt, lässt das WM-Spiel um den dritten Platz, Niederlande-Brasilien, laufen. Holland führt, was wir beide begrüßen, viel lieber hätte der Fahrer Oranje jedoch im Finale gesehen. Ich auch, jedoch mit anderem Spielausgang als er ihn sich erhoffte. Mein Schädel brummt und ich nehme mir einen Kaugummi, um dem Kapitän nicht als ersten Eindruck eine Alkoholfahne entgegenschlagen zu lassen.

Dann die erste Überraschung: Das Wachhaus am Hafen ist nicht besetzt und der Zaun offen. Super denke ich mir. Bis ich hinter der Fabrik den zweiten Zaun entdecke, dessen Tor natürlich versperrt ist. Nach einigen Telefonaten sehe ich schließlich eine Gruppe von drei kräftigen Glatzköpfen anmarschieren. Der Kapitän in Uniform, die beiden Offiziere in Jogginghosen.

Nach einem kurzen Hallo und einer Lagebesprechung, der ich wegen unzureichender Russischkenntnisse nicht komplett folgen kann, wird eine Leiter herangeschafft und ich hieve mich und mein Gepäck über Zaun und Stacheldraht. Nicht lange denken, einfach machen. Dieses Prinzip wird mir an Bord noch in Fleisch und Blut übergehen.

 

Dickkopf vs. Lockenkopf

Das Thema Haare kam in den ersten Wochen immer wieder auf, der Kapitän wollte nicht aufhören mir die Vorteile kurzer Haare zu erläutern. Ich hörte ihm immer aufmerksam zu. Die Frisur blieb dennoch.

Ansonsten wurde ich schnell warm mit der Crew. Vor allem mit dem jungen ukrainischen Kadetten Petrow, den jedoch alle an Deck Peter nennen, habe ich von Beginn an ein gutes Verhältnis. Dauerthema unter den Offizieren (alles Ukrainer): Die Krim, Ostukraine, Russland und Putin. Für sie ist Russland im Krieg gegen die Ukraine, und sie sind sich alle sicher, dass die besetzte Krim zurückerobert werden wird. Erst jedoch müssen die russischen Aufrührer aus dem Osten vertrieben werden.

Die philippinische Deckcrew spricht untereinander Tagalog, wovon ich nur einzelne Wortfetzen verstehe. Wie ich von Petrow erfahre, der schon mehrere Monate mit den Jungs unterwegs ist, handelt es sich bei ihren Gesprächen meist um weniger ernste Themen, was das regelmäßige Kichern der Filipinos bestätigt.